Zur Geschichte der Schwesterngemeinschaft

Geschichtlich verwurzelt ist die Schwesterngemeinschaft im heutigen Verband Pilgermission St. Chrischona. Dort ist im Jahresbericht aus dem Jahr 1924 zu lesen: "Immer mehr stellt sich bei diesen Schwestern (gemeint sind über hundert Absolventinnen der Bibelkurse im 'Haus zu den Bergen', die 'ganz im Missionsdienst dahiem und draussen in der Heidenmission stehen') das Bedürfnis nach einem Mutterhaus heraus.

So wurde das Ehepaar Gutzke als erste "Hauseltern" für das Schwestern-Mutterhaus berufen. Beiden wurde schon während des ersten Jahres klar, dass die einzige Daseinsform für ein solches Haus nur in der Gestalt eines "Diakonissen-Mutterhauses" möglich sei.

Als Wohnhaus wurde die "Pilgerhütte" zur Verfügung gestellt.  Bereits zu diesem Zeitpunkt war klar, dass das "Schwestern-Mutterhaus" materiell und finanziell unabhängig sein sollte.

 

 

Grundprinzipien einer geistlichen Lebensgemeinschaft

"Wer mir dienen will, der folge mir nach" (Johannes 12,26)
Dieses Leitwort wurde unserer Schwesterngemeinschaft mit auf den Weg gegeben. Daraus ableiten lassen sich folgende drei Grundprinzipien - auch Evangelische Räte genannt - auf deren Grundlage sich das geistliche und materielle Leben der Gemeinschaft aufbaut:

- Gehorsam / Sendungsprinzip
- Einfachheit / Armut
- Ehelosigkeit / Keuschheit

Diese drei Empfehlungen und Ratschlägen aus dem Evangelium wurden und werden unterschiedlich gefüllt und gewichtet. Doch tief verbunden damit ist heute die Frage  - Wie kann unser Leben mit seinem Engagement ein Zeichen der Hoffnung in der Kirche und in der Welt von heute sein?

Kann die monastische Berufung mit den drei traditionellen "evangelischen Räten" in unserer chaotischen postmodernen Welt eine Gegenkultur darstellen, die dem Leben Sinn und Halt gibt? Könnte sie im Alltag eines Lebens aus dem Gebet, eines Leben in der Gemeinschaft und der Öffnung für die Welt eine Form tiefer Solidarität mit der Menschheit und der ganzen Schöpfung sein? Eine Alternative, ja sogar eine Form des Widerstands gegen die Entmenschlichung der modernen Gesellschaft, wo der Mensch im Namen des technischen und ökonomischen Fortschritts als Objekt gesehen wird?

Das Leben in einer Gemeinschaft ist ein Schmelztiegel, ein Ort der Verwandlung, eine Einladung, immer menschlicher zu werden, unsere Herzen für die anderen, für ihre Freuden und ihre Leiden zu öffnen und in uns die Beziehungs- und Gemeinschaftsfähigkeit wachsen zu lassen. Der Weg ist mitunter schmerzhaft. Er erfordert eine tiefgreifende Umwandlung des Herzens, vom Egoismus zur Selbstentäusserung und zur Selbsthingabe. Und wenn die Gemeinschaft ein Ort des Teilens und der Vergebung, der Gegenseitigkeit und des Empfangens wird, dann keimt schon der Beginn der neuen Zeit.

 

Die Armut lädt uns zur Einfachheit ein, zu einem einfachen Lebensstil, zum Teilen der materiellen und spirituellen Güter. Es ist ein Weg der langsamen Verwandlung, wo wir nach und nach die Haltung des Besitzstrebens loslassen, um uns dem tiefen Sein zu nähern: es wagen, alles zu verlassen, um zu entdecken, dass wir den Anderen und die anderen brauchen, das ist das Gegenteil der Diktatur des Habens, des Konsums, des alles für sich selbst und „alles sofort“. Dann können sich unsere verkrampften Hände öffnen und unsere Gedanken auf das Verurteilen der anderen verzichten. Diese Öffnung des Herzens, die eine Form der Armut ist, wird so zum Raum des Teilens und der Gemeinschaft. Sie ist Befreiung und Weg der Hoffnung im Dienst des Friedens und der Gerechtigkeit.

Die Keuschheit lehrt uns, mit einem Herzen zu lieben, das nicht besitzen will, das gibt und sich hingibt. Das ist eine ständige grosse Arbeit an unseren Beziehungen. Eine einschliessende Liebe erlernen, heisst das nicht, die Liebe Gottes in sich wachsen zu lassen, unsere Herzen für seine absichtslose und allumfassende Liebe zu öffnen und sie mit unseren Schwestern und Brüdern zu leben?

Der Gehorsam möchte uns von unserem „allmächtigen Ich“ befreien, von dem Bedürfnis zu dominieren und von der Versuchung der Macht. Der Gehorsam wird zum liebenden Hinhören im Innern einer Gemeinschaft; er ist ein Weg der Freiheit, ein Weg zu mehr Verbundenheit: vom einsamen Ich zum solidarischen Ich. Jesus ist bis zum Ende mit unserer leidenden Menschheit solidarisch geblieben und dem Liebeswillen seines Vaters gegenüber gehorsam gewesen, bis hin zum Kreuz. Von dort konnte die Kraft des Mitleidens, des neuen Lebens für die ganze Erde aufstrahlen. Sie ist das Licht der Hoffnung, das alle Nächte der Menschheit und der Welt erhellt.

Berufung entdecken

Mach dich auf

Die sich aufgemacht haben zu dir, Herr, folgen der Spur der Sehnsucht, die sie antreibt und nicht zur Ruhe kommen lässt, bis sie dich gefunden haben.

Die sich aufgemacht haben zu dir, Herr, spüren Widerständen und Hindernisse, und sie kennen die eigenen Grenzen, doch genau darin wissen sie sich dir am nächsten.

Die sich aufgemacht haben zu dir, Herr, werden belächelt und verdächtigt, sie ernten keinen Applaus, jedoch manche Enttäuschung, aber sie lernen dabei, mehr auf diene Kraft zu vertrauen als auf die eigene Stärke.

Die sich aufgemacht haben zu dir, Herr, werden nicht verschont von den Härten des Lebens, aber gestärkt durch deine segnende Hand werden sie zum Segen für viele.

Paul Weismantel


Wie kann ich Berufung erkennen?

Grundsätzlich gilt, dass ich meine Berufung entdecken kann, wenn ich zum hören bereit bin.

Wenn ich Gottes rufendes Wort wahrnehme und darum ringe, es zu verstehen. Damit beginnt ein Weg, der sich im Gespräch zwischen Gott und mir weiter entwickelt, auf dem Gott oft sehr leise ruft, auf dem ich nicht auf aussergewöhnliche Ereignisse zu warten brauche, auf dem ich lernen kann, diesen Anruf zu hören und darauf zu antworten.

Jede Berufung ist die Frucht eines Dialogs zwischen dem rufenden Gott und dem hörenden, freien Menschen. Der Anruf ist oft leise. Man muss nicht auf aussergewöhnliche Ereignisse, nicht auf mystische Erfahrungen warten. Aber man mus sich darin üben, den Anruf Gottes zu hören und darauf zu antworten. Eine grosse Hilfe auf dem Weg ist ein geistlicher Begleiter, auch wenn ich letztlich nur selber hören kann, was Gott von mir will.

Es gibt Erkennungszeichen und Entscheidungshilfen für ds Leben in einer kommunitären Lebensform oder verbindlichen geistlichen Gemeinschaft. Die folgenden Impulse helfen, sich selber zu begreifen. Was trifft auf mich zu?

1. Wachsende Unruhe in der Tiefe des Herzen
Es gibt eine Unruhe im Herzen, die sich so artikuliert: "Das kann doch nicht alles sein!" Das ist nicht zu verwechseln mit Unzufriedenheit oder mit oder mit Flucht aus der Realität. Die Unruhe in der Tiefe des Herzens kann ein Anzeichen dafür sein, dass Gott etwas Spezielles von mir will.

2. Wachsende Sehnsucht, nach dem Evangelium zu leben
Es kann ein Zeichen der Berufung sein, wenn immer mehr der Wunsch wach wird, so zu leben, wie Jesus selbst gelebt hat: Ohne falsche Kompromisse, in einem totalen Vertrauen auf Gott, in grosser Freiheit und Unabhängigkeit von materiellen Bedürfnissen ... Es darf allerdings nicht nur biem Wunsch bleiben. Ein Echtheitskriterium ist, ob man auch erste Schritte geht und das Evangelium im Alltag zu leben beginnt.

3. Wachsendes Hingezogensein zu Gott
Das geistliche Leben ist mehr als eine punktuelle Begeisterung; es ghet um ein zunehmendes Gezogenwerden in die Nähe Gottes. Da gibt es zwar noch viele Lücken und Rückschläge im geistlichen Leben, aber es bleibt dieses Hindrängen zu Gott. Es wird deutlich: Ohne eine intensive Beziehung zu Gott kann ich nicht leben. Das kann konkret werden in der wachsenden Liebe zum Gebet, zur Stille, zur Bibel, zur Feier das Heiligen Abendmahl.


4. Wachsende Freude am selbstlosen Dienst für andere
Ob im Herzen eine geistliche Berufung wächst, kann sich auch zeigen an einer zunehmenden Freude, Menschen zu helfen und ihnen zu dienen. Konsum-Mentalität, Karrieredenken und egoistische Lebenseinstellung werden dann immer mehr als hohl und lebensfeindlich durchschaut. Es kann ein Anruf sein, wenn ich erfahre, dass mich selbstloser Einsatz glücklich macht.

5. Wachsender Wunsch, den Glauben weiter zugeben
Oft steht mit man seiner Glaubensüberzeugung allein. Ein Zeichen der Berufung kann es sein, wenn ich mit Freude den Glauben an andere weitergeben will und gleichzeitig andere Menschen in ihrem andersartigen Denken verstehe und respektiere.

6. Wachsende Bereitschaft, Gemeinschaft mitzutragen
Jeder Christ muss auf eigenen Beinen stehen und selbständig sein. Wer seine Verantwortung oder seine Persönlichkeit an eine Gruppe abtreten will, ist z.B. in einer Kommunität am rechten Platz. Wenn in mir aber eine Offenheit wächst, mich in eine Lebensgemeinschaft aus dem Evangelium einzubringen und Mitverantwortung zu übernehmen, kann das ein Anruf sein. Die Nachfolge Jesu wird konkret, wenn ich mich frei dafür entscheiden kann, mich selbst loszulassen und nach einer verbindlichen Gemeinschaftsregel zu leben.

(Vergleiche auch die Homepage der katholischen Arbeitsstelle "Zentrum für Berufungspastoral")

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